NEUES DEUTSCHLAND vom 14.11.2002

Löwys Komödianten sind zurück
Das Hackesche Hoftheater zeigt »Die Wiederkehr« der jiddischen Gruppe 
 
Von Almut Schröter 
 

Löwy (B. Seidemann) begegnet sich im Kind von damals, von heute (G. Fischmann)
Foto: Theater
Am Hackeschen Markt in Berlin geschehen Wunder. Nicht allein, dass es da im Sommer plötzlich aus einem Baum zu regnen begann, was einem bildenden Künstler zu danken war. Jetzt geschieht es, dass acht Menschen auf der kleinen Bühne des Hackeschen Hoftheaters zu den Jüdischen Kulturtagen gemeinsam mit einer Premiere aufwarten können, weil der Hauptstadtkulturfonds dafür Geld heranzauberte. Die Inszenierung »Die Wiederkehr« beschäftigt sich mit einem weiteren Wunder: mit der Auferstehung der jiddischsprachigen Theatertruppe des Jizchak Löwy.
Da stehen plötzlich drei Komödianten in einer Bücherei zwischen »Papierkadavern« und wissen nicht, wie ihnen geschieht. Sind sie tot? Waren sie tot? Sie sehen sich im Scheunenviertel um und fragen sich, wo all die kleinen Theater sind, in denen sie um 1910 ihr Brot verdienten. Noch heute haben sie alle Texte und Lieder drauf, was sie umgehend mitreißend beweisen. Ihr Berlin ist das nicht mehr, was sie da sehen. Trotzdem stellt sich letztlich in herrlich überhöhten Szenen heraus: Sie waren zwischenzeitlich gar nicht weg. Sie waren nur vergessen.
Darum rankt sich die groteske Handlung, die zwangsläufig heutige Behördenkontakte einschließt. Burkhart Seidemann, den man mit Vergnügen hier als Löwy endlich wieder spielen sehen kann, schrieb die ernste Komödie. Eines Menschen Leben kann nicht verloren gehen, heißt es darin immer wieder. Stirbt einer vor der Zeit, kehrt seine Seele zurück, um seine Jahre in der Welt zu verbringen... Löwys Komödianten, 1942 ermordet, waren vergessen. Nun wird ihr Werk geweckt. Noch lagern Zensurexemplare ihrer Stücke in Polizeiarchiven, durch die sich Andrej Jendrusch für das Hoftheater wühlt. So gelangen mit den Wiedergekehrten Szenen alter Stücke auf die Bühne, wie sie für die Auftritte jiddischer Theatergesellschaften seinerzeit typisch waren. Szenen, die heute sonst nirgendwo zu sehen sind. Um Seidemann-Löwy spielen und singen Jalda Rebling, Bettina Schubert, Mark Aizikovitch, Alexander Babenko, Nikolai Javir, Oleg Roschin und der Junge Garry Fischmann. Geschmeidig ist dieses Stück nicht, wenn es auch auf den ersten Blick leichtfüßig daherkommt. Wie anders wollte man Theater übers Theater machen. Seidemann setzt zu vielem an und bricht’s ab, um Raum zum Nachdenken zu geben. Für oft verdienten Szenenapplaus ließ er keinen.