Das Hackesche Hof-Theater versteht sich programmatisch als "Berlins Adresse für jiddische Kultur". Nicht allein, dass alsbald das 1.000 Konzert der Reihe "Jiddische Musik am historischen Ort" erklingen wird: Mit seinen inzwischen bereits sechs Inszenierungen jiddischen Lied-Theaters erinnert dieses kleine, nach wie vor ohne öffentliche Mittel betriebene Haus, hartnäckig an eine von hier vertriebene Kultur und erhebt gleichzeitig Anspruch auf Lebendigkeit in vielerlei Weise. Denn nicht allein, dass hier im Herzen Berlins einst tausende osteuropäisch-jüdische Einwanderer lebten, die aus dem Zarenreich entkommen, das gelobte Land Palästina oder das gelobte Land Amerika zu erreichen suchten (im letzten Drittel des 19. Jhdt.); nicht allein, dass hier im Berliner Scheunenviertel auf der Straße und in winzigen Theatern jiddisch gesprochen wurde und diese vielfarbige Kultur hier einst heimisch war.

Hier in Berlin, wo einst die Endlösung der sogenannten Judenfrage ersonnen wurde, hier im neuen Berlin sind wieder viele jüdische Einwanderer aus Osteuropa angekommen, Menschen, die ihre jüdische Identität suchen und leben wollen. Plötzlich gewinnt auch das dem Mittelhochdeutsch entwachsene Jiddisch in Berlin wieder eine Brückenfunktion zwischen den Kulturen, erfüllt sich die alte Sprache weit über die lediglich musikalische Mode eines Klezmer Revivals hinaus mit dem Sinn geistiger Berührung und notwendiger Verständigung, mischt sich die Weltsicht dieser welterfahrenen Sprache in den Wirbel einer Metropole ein, die schon immer / und meist wider Willen / offene Hintertüren nach Osten hatte. Daher - aus historischen und aus sehr gegenwärtigen Gründen - die Pflege jiddischen Lied-Theaters im Hackeschen Hof-Theater Berlin, das sich seit acht Jahren als Freie Künstlervereinigung von Juden und Nichtjuden, Hiesigen und Hergekommenen dieser vielschichtigen Aufgabe stellt.