KARSTEN TROYKE



 

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Berliner Morgenpost vom 22.04.1998

"Das hast Du nicht richtig gesungen"

 Jiddische Lieder von Liebe, Leid und Abschied:
 Interview mit dem Berliner Interpreten Karsten
 Troyke

 Von Christoph Herrmann

 Mit seinem vierten Album geht Karsten Troyke, der weit über Berlin hinaus bekannte Interpret des jiddischen Chansons, neue Wege. "Jidische Vergessene Lieder" versammelt unbekannte und unveröffentlichte Stücke, die der Sänger von einer Holocaust-Überlebenden aus dem polnischen Tschenstochau erlernt hat.

 Die Vorgeschichte Deiner CD reicht über zehn Jahre zurück, denn 1987 hast Du Sara Bialas-Tenenberg bei den 1. Tagen der Jiddischen Kultur in der DDR kennengelernt.

 Karsten Troyke: Ja, es gab damals mehrere Veranstaltungen, die alle überfüllt waren. Sie saß im Publikum und war ganz aufgeregt, denn es handelte sich doch um ihre Muttersprache. Und sie hielt es fast nicht für möglich, daß da so viele, vor allem auch junge Leute, jiddische Lieder sangen.

 Wie ist Eure Begegnung dann weitergegangen?

 Troyke: Sie war bereit, mir beim Jiddischen zu helfen. Ich bin zu ihr hingefahren und habe angenommen, es würde sich um Sprachstunden handeln, und habe gefragt, was ich bezahlen sollte. All das wollte sie gar nicht, sie wollte nur den Kontakt zu einem jungen Menschen, der hier jiddische Lieder singt.

 Wie hast Du von all diesen Liedern, die sie im
 Gedächtnis bewahrt hatte, erfahren?

 Troyke: Anfangs wußte ich gar nicht, daß sie so viele Lieder kennt. Sie hat mir dann immer wieder Lieder vorgesungen. Ich habe alles auf Band aufgenommen, denn man konnte die Melodie beim ersten Mal nicht immer richtig erkennen. Diese Aufnahmen habe ich mir dann noch und noch angehört und ihr später vorgesungen, was ich meinte, gehört zu haben. Manchmal hat sie dann gesagt: Das hast Du nicht richtig gesungen. Sie meinte damit nicht meine Interpretation, sondern daß ich einen falschen Ton angestimmt hatte. Denn sie hat die richtige Melodie ganz fest in ihrer Erinnerung verankert.

 Wann hast Du bemerkt, daß Du auf einen wirklichen
 Schatz gestoßen bist?

 Troyke: Als ich nach dem Fall der Mauer die Möglichkeit hatte, an den verschiedensten Orten der Welt recherchieren zu können. Da habe ich bei einer Reihe von Saras Liedern gemerkt, daß die offensichtlich noch nirgends veröffentlicht worden waren. Diese Lieder sind allein deshalb ein Schatz, weil sie fast verloren gegangen wären, es nun aber doch nicht sind.

 Wie hast Du die Lieder für die CD ausgewählt?

 Troyke: Zunächst einmal ist es nur eine Auswahl, denn ich konnte nicht alle Lieder mit aufnehmen. Und es sind natürlich die, die mich am meisten angesprochen haben. Am liebsten habe ich die Liebes- und Abschiedslieder, die in ganz einfachen Worten die Auswanderung nach Amerika besingen. Diese Lieder sind seit der Jahrhundertwende überall umgegangen.

 Aber es gibt auch ganz nachdenkliche, schmerzende
 Momente?

 Troyke: Viele haben gesagt, ich solle das Lied ,Treblinka' nicht mit aufnehmen. Sara selbst singt es am Ende des Albums. Es ist ein sehr hartes und trauriges Lied. Ich habe dieses Lied von niemandem vorher gehört, und Sara hat das Gefühl, daß ihre Eltern dort geblieben sind. Auf diese Weise ist das Lied etwas Besonderes, auch wenn es schmerzlich ist, daß es auf dem Album sein muß.

 Was erhoffst Du Dir für Wirkungen von diesen
 Liedern?

 Troyke: Was ich mir wünschen würde, ist, daß diese Lieder von der heutigen Jiddisch-Szene, die nun einmal entstanden ist, aufgenommen werden, daß sie auch von anderen nachgesungen werden. Vielleicht macht's ja irgendjemand besser als ich, und vielleicht entsteht daraus ja noch einmal eine neue lebendige Liedkultur in dieser Richtung.