Berliner Morgenpost
Montag, 20. März 2000

Neunzig Minuten voller Schmerz und Liebe

Mitreißend: Inna Slavskaja brilliert in «Heute Abend: Lola Blau» im Hackeschen Hoftheater

Von Ulrike Borowczyk

Bis man endlich einmal einen leibhaftigen Intendanten an der Strippe hat, sind unzählige Telefonate und vage Hoffnungen im Keim erstickt worden. Der Alptraum eines jeden Schauspielers auf der Suche nach einem Job. Lola Blau kann davon ein Lied singen. Endlich engagiert man sie in Linz. Sie packt gerade ihre Koffer, als sie zwei Anrufe erhält: Ihr Onkel verlässt Österreich Richtung Prag, und ihr Geliebter Leo Glücksmann will umgehend nach Basel gehen und bittet sie inständig, ihn zu begleiten. Wien im Jahr 1938 ist für Juden kein sicherer Ort mehr.
Lola spielt die politischen Entwicklungen runter. Doch als der Sängerin binnen einer Stunde das Zimmer gekündigt und das Engagement in Linz mit einem zackigen «Heil Hitler!» storniert wird, beschließt auch sie, das Land zu verlassen. «Heute Abend: Lola Blau» von Georg Kreisler erzählt die bewegende Geschichte einer begabten und ehrgeizigen Künstlerin, die vor dem NS-Regime in die USA flüchtet. Im Hackeschen Hoftheater spielt Inna Slavskaja diese ungemein starke Frau und geht in der Inszenierung von Bettina Schubert voll und ganz in ihrer Rolle auf. In den Songs, die sie, von Wolfram Lauenburg am Klavier begleitet, mit ihrem warmen, dunklen Sopran einfühlsam interpretiert, erwacht die facettenreiche Innenwelt der Lola Blau. Neunzig Minuten voller Schmerz und voller Liebe, die dank der großartigen Darstellerin wie im Flug vergehen.