"Mir leben ebig, ohn' a Groschen Geld"

Mark Aizikovitch und das jiddische Liedtheater in den Berliner Hackeschen Höfen

Mark Aizikovitch kommt auf die Bühne. Ein großer Mann, mit einer Kerze in der Hand, die er vor das Gesicht hält. Er trägt eine schwarze Hose und ein schwarzes Hemd mit einer hellen Weste darüber: eine Anspielung auf ein jüdisches Kostüm. Er singt ein nachdenkliches jiddisches Lied, halb Gebet, halb kleines Oratorium, das die Zuschauer mit einem höflichen Applaus bedenken. Langsam werden seine Lieder temperamentvoller. Doch schon das nächste Lied ist so zart und traurig, dass vielen Zuschauern Tränen in die Augen kommen.

Aizikovitch erzählt ein bisschen über die Lieder, die er singt, er scherzt, und wenn ihm ein deutsches Wort nicht einfällt, bittet er das Publikum, ihm auf die Sprünge zu helfen. Irgendwann vergisst man, dass man in einem Konzert ist, genießt nur noch die einfache Menschlichkeit und Natürlichkeit, die von der Bühne in den Saal ausstrahlen, und, was noch wichtiger ist, aus dem Saal auf die Bühne zurückkehren. "Aizikovitch kommt aus einer anderen Kultur", wird Burkhard Seidemann, der Leiter des Hackeschen Hoftheaters, den ungewöhnlichen Vorgang später erklären. "Er hat ein anderes Verhältnis zu den Gefühlen. Hier sind die Leute gefühlsbehindert. In Aizikovitch spüren die Leute, was ihnen selbst fehlt."

Mark Aizikovitch war 44, als er 1990 in einem Ostberliner Flüchtlingsheim landete. Er setzte sich während einer Touristenreise in den Westen ab, nachdem er zufällig erfahren hatte, dass die DDR, die damals kurz vor ihrer Auflösung stand, ganz unbürokratisch sowjetische Juden aufnimmt. Wenn es ein anderes westliches Land gewesen wäre, Aizikovitch wäre auch dort geblieben. Denn zu Deutschland und den Deutschen hatte er keinerlei Bezug, abgesehen davon, dass mehrere seiner Verwandten im Krieg von den deutschen Soldaten ermordet worden waren. Allerdings konnte er seit seiner Kindheit gut Jiddisch, und mit Jiddisch-Kenntnissen kann man Deutsch einigermaßen verstehen.

In der ukrainischen Stadt Poltawa hatte Aizikovitch eine Schauspielschule und ein Konservatorium absolviert und wurde ein bekannter Popsänger. Jetzt aber war er niemand, genauso anonym wie die Häuser, die ihn in dieser trostlosen Ostberliner Plattenbauwüste umgaben, und die Menschen, die diese Häuser bewohnten. Schweigend ging er an Straßenmusikern vorbei, die am Kudamm oder in der Unterführung am Alexanderplatz spielten. Es waren fast ausschließlich seine Landsleute, die mit einem Touristenvisum nach Deutschland kamen, um etwas Geld für die Familien zu Hause zu verdienen. Einige spielten hochprofessionell, hatten offenbar eine Konservatoriumsausbildung. Nur war sie jetzt nichts mehr wert. "Irgendwann hatten diese Menschen von einer Karriere, sogar vom Weltruhm geträumt, vielleicht hätten sie es zu etwas gebracht", sagt Aizikovitch, "jetzt sind die hallenden Schritte der Passanten ihr Applaus und ein paar Münzen in einer Schachtel ihre Gage."

Waren sie an ihrer Misere selbst schuld? Sicher nicht. Normalerweise sind Wirklichkeit und Kunst miteinander verbunden, ja verwachsen, aber bei großen gesellschaftlichen Erschütterungen, wie etwa dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa, löst sich die Wirklichkeit von der Kunst ruckartig ab. Dann ist die Kunst verwaist, die Künstler hängen in der Luft. Sie brauchen Zeit, um sich neu zu orientieren und ihren Platz in der Kunst wiederzufinden, wenn sich alles beruhigt hat. Aber das ist Theorie, die Praxis ist komplizierter.

Wenn sich Aizikovitch nicht in Berlin, sondern in New York, wo 600 000 Russen leben, niedergelassen hätte, hätte er vielleicht Chancen gehabt. Vielleicht hätte er in einem der vielen russischen Restaurants in Brighton Beach, dem Little Odessa, gesungen und es womöglich sogar zu lokalem Ruhm gebracht, wie einst Michail Schafutinski oder Willi Tokarew, Emigranten, die später mit ihren Ganovenromanzen auch in ganz Russland enorm populär wurden. Aber Deutschland ist nicht Amerika, Berlin ist nicht New York, auch wenn hier 100 000 Russen leben. Die seltenen Besucher in den wenigen russischen Restaurants von Berlin können nur bedingt als Konzertpublikum bezeichnet werden.

Nicht ohne Neid hörte Aizikovitch die Geschichte eines Pianisten aus Leningrad, der wie er in einem Ostberliner Flüchtlingsheim vegetiert hatte, bis er eines Tages einer bekannten Westberliner Schriftstellerin und Frau eines Staranwaltes begegnete. Das einflussreiche Ehepaar führte den Pianisten in die Salonwelt ein, vermittelte ihm Konzerte, machte die Medien auf ihn aufmerksam, so dass der Pianist bald eine europäische Berühmtheit und Professor an einer Musikhochschule in Westdeutschland wurde. Solche Gönner und Promoter traf Aizikovitch nicht.

Aber das Schicksal hat eine eigene Logik. Eines Tages besuchte Aizikovitch zufällig eine Veranstaltung in der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg. An einem der Ursprungsorte der deutschen Herbstrevolution wurden diesmal keine politischen Reden gehalten, sondern jiddische Lieder gesungen. "Die meisten Interpreten waren nicht schlecht", erinnert sich Aizikovitch, "aber sie hatten eine eher klischeehafte Vorstellung von den jiddischen Liedern, denn sie stammten nicht aus ihrer Welt." In Russland hatte er nie vor Publikum jiddische Lieder gesungen, weil sie faktisch verboten waren. Aber er kannte einige davon. Nach der Veranstaltung ging er auf einen der Interpreten, einen jungen Mann, zu, stellte sich vor und sagte: "Ich bin russischer Jude und singe auch jiddische Lieder."

"Dann singe etwas."

"Ich sang ihm ein paar Lieder vor, und das gefiel ihm. Ich gab ihm meine Adresse. Drei Monate später bekam ich plötzlich ein Telegramm. ,Call me stand in Englisch darauf, dann folgte eine Telefonnummer und die Unterschrift, die ,Troyke lautete. Karsten Troyke war einer der wenigen, der schon zu DDR-Zeiten mit jüdischen Liedern aufgetreten war. Er schlug mir vor, in seinem Programm ,Eigene Lieder und Lieder der Welt mitzuwirken." So fing Aizikovitch an, jiddische Lieder und russische Romanzen auf der Bühne zu singen. Heute tritt er regelmäßig im Hackeschen Hoftheater in Berlin-Mitte auf. Mit seinen Musikern. Und in Theaterstücken mit Jalda Rebling, einer jüdischen Sängerin und Schauspielerin, die in Ost-Berlin groß geworden ist.

Auf der Bühne gibt es keine Dekorationen, aber vor dem geistigen Auge taucht das Bild eines Dorfes irgendwo in der Ukraine oder Galizien auf, eine zerfahrene lehmige Straße mit tiefen Pfützen, eine ärmliche Kate und darin eine große jüdische Familie mit ihren Sorgen und Freuden. Der korpulente bärtige Aizikovitch ist das Familienoberhaupt. Er ist ein bisschen Hausglucke, ein bisschen Despot, ein bisschen Schlaumeier, ein bisschen Trottel, ein bisschen Philosoph, ein bisschen Praktiker und ein bisschen Romantiker, der von der großen weiten Welt träumt und dem sein Stetl, seine Judengasse, schon zum Hals heraushängt. Aizikovitchs Vorstellung ist ein Fest des Lebens. Doch irgendwann, auf dem Höhepunkt fröhlicher Heiterkeit, kommt eine leise Frage auf: Was ist mit dem Volk passiert, das diese wunderschönen Lieder einst komponiert und gesungen hat, all den jüdischen Dorfphilosophen, Trotteln, Schlaumeiern, die Aizikovitch darstellt?

Wenn das Publikum ihn am Ende der Veranstaltung nicht von der Bühne gehen lassen will, singt er ein Lied, das im Getto von Vilnius entstanden ist:

Mir leben ebig,
es brennt a Welt,
mir leben ebig
ohn a Groschen Geld

Eigentlich war es ein lustiges Liedchen, eine Jazzmelodie, eine Nummer aus einem Kabarett-Programm, das die todgeweihten Juden besonders gern sangen, weil sie wussten, dass man jeden Tag, jede Minute genießen muss, die das Leben noch schenkt. Aizikovitch, der die Tonart der ursprünglichen Melodie völlig geändert hat, macht dieses Lied zu einem Requiem für die ermordeten Juden. Er singt es im gedämpften Licht der Scheinwerfer, bei den letzten Klängen erlischt das Licht ganz. Es ist, als ob die Finsternis des Todes selbst eingetreten wäre. Nach diesem Lied ist keine Fröhlichkeit mehr möglich.

Es ist symptomatisch, dass Aizikovitch für ein Gedenklied nicht pathetische Strophen, sondern einen Schlager aus dem Getto nimmt: ein Dokument des Todes. Und gleichzeitig eine Hymne für das Leben. Ein deutscher Interpret jiddischer Lieder hätte in dieser Situation eher das bekannte mahnende Lied "Es brennt, Brider, es brennt" oder Ähnliches gesungen. Das ist es, das die Mentalität eines russischen von der eines deutschen Juden unterscheidet. Wenn die der deutschen Juden vom Holocaust, vom Empfinden, vom Trauma des Todes bestimmt ist, so prägt die Mentalität der russischen Juden das Leben, die Strategie des Überlebens. Es liegt weniger am Unterschied zwischen den west- und osteuropäischen Temperamenten als an den unterschiedlichen Ideologien und politischen Umständen, unter denen die (west)deutschen und die sowjetischen Juden nach dem Krieg lebten.Die Holocaust-Psychologie der deutschen Juden, die ständige und oft stark ritualisierte Erinnerung an die Opfer des Völkermords selbst bei den Menschen in der dritten oder vierten Generation erklärt sich durch mehrere Faktoren: durch die Position der jüdischen Gemeinden, die Politik aller Bundesregierungen seit 1949, die sich zur Schuld der Deutschen vor den Juden bekannten, und nicht zuletzt durch die fundamentale Spaltung der deutschen Gesellschaft in diejenigen, die ihre Schuld vor den Juden verdrängen bzw. ableugnen, und diejenigen, für die ein solches Schuldbewusstsein fast ein Synonym für politische und moralische Integrität ist.

Nichts Vergleichbares gab es in der Sowjetunion. Die meisten sowjetischen Juden hatten nie eine Holocaust-, noch sonst irgendeine spezifisch jüdische Identität. In der Sowjetunion mit ihrem latenten Antisemitismus waren schon Wörter wie "Jude" und "jüdisch" beinahe ein Tabu. Es gab freilich zwei jüdische Institutionen, aber sie dienten eher der Erniedrigung und Diskreditierung von Juden: das so genannte "Antizionistische Komitee", dessen Aufgabe es war, Israel und jüdische Organisationen im Westen zu attackieren, und die in Jiddisch herausgegebene Zeitschrift "Sowjetisch Heimland", die noch untertäniger und feiger als die "Prawda" war.

Jude zu sein bedeutete in der Praxis, einen nachteiligen Eintrag im Pass zu haben, zu versuchen, diesen Eintrag irgendwie loszuwerden, um den Schikanen der Behörden zu entgehen, und die Möglichkeit zu erwägen, nach Israel auszuwandern. Und was die Vernichtung der Juden unter der Nazi-Diktatur und im Zweiten Weltkrieg betraf, war sie unter dem stalinistisch-breschnjewschen Regime ein unbequemes und daher halb verbotenes Thema: Es war unmöglich, diese Verbrechen gutzuheißen, aber ebenso war es unmöglich, Mitleid und Sympathie für die jüdischen Opfer zu zeigen, zumal sie größtenteils keine Verteidiger des sozialistischen Vaterlandes bzw. Verfechter der kommunistischen Idee, sondern sozusagen Privatpersonen, einfach Menschen waren. Und ein menschliches Leben, selbst das eines Russen, war in der Sowjetunion sowieso nicht viel wert.

Das Bild vom Juden, mit dem sich auch die Juden selbst oft unterschwellig identifizierten, war in der Sowjetunion bestenfalls das eines ulkig temperamentvollen Odessa-Typen, wie in den Erzählungen von Isaak Babel, oder eines tragikomischen rührenden Stetlbewohners, wie in den Romanen von Scholem Alejchem. Diesen Typus griff die sowjetische Kunst, insbesondere der Film, das Theater und die Unterhaltungsbranche, auf, als mit Beginn der Perestroika das jüdische Thema enttabuisiert wurde und der halb offizielle Antisemitismus plötzlich der Judophilie gewichen war. In zahlreichen Spielfilmen und Inszenierungen stellten Juden liebevolle, vitale, einfältige und gleichzeitig auf ihre Weise kluge Clowns dar, die darüber hinaus musizierten, sangen und tanzten. Heute hat sich in Russland dieses kabarettistische Bild des Juden noch mehr etabliert. (In der rot-braunen Szene werden Juden natürlich anders dargestellt.)

Doch genau gegen diese stereotype Darstellungsweise, die ja auch im Westen ziemlich verbreitet ist, wehrt sich Aizikovitch, und zwar nicht nur aus ästhetischen und ideellen, sondern auch aus persönlichen Gründen. "Ich will kein dekorativer Jude sein, eine Art exotischer Singvogel im deutschen Gefilde, den man als Augen- und Ohrenschmaus verwendet, der die Lücke ausfüllt, die nach 1945 entstanden ist", sagt Aizikovitch. "Ich brauche auch kein übermäßiges Lob, das in Deutschland a priori allem Jüdischen erteilt wird. Es gibt jüdischen kommerziellen Kitsch, und damit will ich nichts zu tun haben. Mich interessieren in erster Linie die geistigen, mentalen Aspekte des Judentums."

In den neun Jahren, die Aizikovitch in Berlin verbracht hat, ist er aus den Kleidern eines singenden und tanzenden jüdischen Exoten aus Russland herausgewachsen. Zwar ist seine Seele nach wie vor russisch-ukrainisch, aber seine Erfahrungen, seine Umgebung in Deutschland haben aus ihm zwangsläufig einen völlig anderen Menschen gemacht. Er wurde gläubiger Jude, Westeuropäer, Deutscher, deutscher Jude, etwas Kompliziertes und schwer Definierbares, was infolge der so genannten Integration entsteht. Aber vor allem ist er Künstler. Und ein neues Bewusstsein verlangt bei einem Künstler nach einer neuen Ausdrucksform. Aizikovitch hat sie gefunden: Es ist das Theater, genau genommen das jiddische Liedtheater. Das einzige in Deutschland.

Manchmal kommen in Aizikovitch Zweifel auf, und er fragt sich: Was ist eigentlich das jiddische Theater? Für wen ist es gedacht? Heißt es etwa, dass Juden für Juden spielen sollen? Selbst jüdische Organisationen in Deutschland haben keine klare Antwort auf diese Fragen und wissen nicht, ob sie solche Inszenierungen finanziell unterstützen sollen.

Als Schauspieler hat Aizikovitch ein großes Beispiel vor Augen: Solomon Micho els, den genialen jüdischen Bühnenkünstler aus der Sowjetunion. Im Moskauer Jüdischen Staatstheater, dessen Leiter er war, spielte Micho els nicht nur Stetl-Typen, sondern auch Sheakespeares König Lear. Auf Jiddisch. Ganz Moskau strömte in das Jüdische Theater, um Micho els in dieser Rolle zu sehen. 1948 wurde er auf Stalins Befehl ermordet. Bald darauf wurden im Rahmen einer antisemitischen Kampagne auch führende sowjetische jiddische Dichter Perez Markisch, Leib Kwitko, David Bergelson, Izik Fefer u.a. als "Agenten des Weltzionismus" abgeurteilt und hingerichtet. Damit wurde die jahrhundertalte russisch-jiddische Kultur faktisch vernichtet.

Zum Andenken an die jüdischen Dichter, die Opfer des stalinistischen Regimes wurden, hat Mark Aizikovitch eine CD mit ihren Liedern aufgenommen. Diese Lieder singt er auch während der Lesungen von Arno Lustiger, dem Autor des jüngst erschienenen "Rotbuches: Stalin und die Juden". Es ist schwer zu sagen, was die Zuhörer im Saal mehr bewegt: die grausamen Fakten, über die Lustiger berichtet, oder die zarten Lieder, die Aizikovitch vorträgt. Das 20. Jahrhundert ist reich an grausamen Fakten. Die Stimme der Zärtlichkeit ertönt viel seltener. In gewissem Sinn beginnt Mark Aizikovitch dort, wo die russisch-jiddische Kunst aufgehört hat. Dass er in einem anderen Land und in einer völlig anderen historischen Epoche lebt, spielt für ihn keine große Rolle. Solange die jüdische Seele lebt, lebt auch die jüdische Kunst.

Jiddisches Lied // Ich hatte eine Mame sie / sagte mir sei gut und fromm / mehr Weisheit hab ich nicht / Ich hatte einen Tate / er brachte mir das Aleph-Bet bei / mehr Weisheit hatte er nicht / Ich hatte einen Rebben / er lehrte mich Siddur und Chumesh verstehn / mehr Weisheit hatte er nicht / Einen Heiratsvermittler hatte ich / er brachte mir eine Frau / sie weiß so viel wie ich / Regen Regen Regen fällt / ein kleiner Mensch bin ich / der Regen durchnässt mich und / ich hab keine andere Weisheit / als die von zuhaus. . .

BERLINER ZEITUNG vom 30.10.1999  Autor Juri Ginsburg