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Berlins Adresse für gestisch-mimisches Theater
und jiddische Kultur
(Das Theater wurde Anfang Januar 2006 geschlossen. Infos hier)

 


Burkhart Seidemann


15.9.1944 – 6.4.2016


Der Pantomime und Regisseur Burkhart Seidemann erlag am 6. April 2016 seinem Lungenkrebs, bis kurz zuvor noch aktiv, erst in den letzten Tagen völlig geschwächt und umsorgt von seinem Patensohn Aurel Petre, nachdem er erst am Vortag seinen langjährigen Lebenspartner, den Puppenspieler Peter Waschinsky geheiratet hatte – erst jetzt waren die bürokratischen Hürden genommen.
Seidemann entstammte einer adligen alten Weimarer Familie – die Mutter hatte bewußt bürgerlich geheiratet – und hatte zunächst Kunstschmied gelernt, dann Theologie studiert, letzteres weniger aus Religiosität, sondern eher als Versuch einer Alternative zum DDR-Konformismus.
In dieser Zeit entdeckte er die ausgeprägte Jenaer Pantomimeszene, machte mit, und stieß nach kurzem unbefriedigendem Landpfarrer-Praktikum zur Ostberliner Pantomimegruppe um Volkmar Otte.
Der hatte bald darauf deren Professionalisierung durchgesetzt und so wurde als einziges seiner Art in ganz Deutschland das Pantomime-Ensemble des Deutschen Theaters gegründet, eine nicht konfliktfreie, aber alles in allem funktionierende Ehe. Seidemann war Akteur – z.B. in der Titelrolle des Eröffnungsstückes „Don Quichote in Murzeledo“, später dann Hauptregisseur und Autor von Stücken wie „Blaubart“ und „Dr. Fausts Höllenfahrt“.
Nach über 20 Jahren, Mauerfall und Wende stand Internationalisierung der inzwischen sehr erfolgreichen Truppe wie ihres Publikums an. Aber statt daß nun die besten Pantomimen der Welt ins Ensemble kamen und Berlin seinen Bürgern und Besuchern dieses Sprachbarrieren-freie Theaterkleinod, wie es Paris, London oder New York nicht haben, mit Stolz präsentierte, schlug provinzieller Hochkultur-Dünkel zu: Mit Zustimmung des (Ost-)Intendanten Thomas Langhoff betrieb die neue (West-)Kulturpolitik die Schließung des DT-Pantomime-Ensembles.

Die Alternative war die Gründung und 1993 Eröffnung eines Kleintheaters unter „Admiral-Intendant“ Seidemann in den Hackeschen Höfen, die zunächst noch fernab von Rekonstruktion und Kommerzialisierung vergessen vor sich hin schlummerten. Zum „Ur“-Genre des Mimischen und Mimodramen wie „Reineke Fuchs“ kam als Reverenz an die Scheunenviertel-Umgebung das „Jiddische“ - und damit die Konzertreihe mit Klezmer und jiddischen Liedern, aber auch entsprechende, meist musikalische Theaterstücke.
Seidemann mit seiner Neigung zur Genauigkeit vermied den sicher leichter vermarktbaren Stempel „Jüdisches Theater“: Nicht um allgemein-Jüdisches oder gar Holocaust-Bewältigungs-Kunst ging es ihm, sondern eben um den konkreten Bezug auf die jiddischsprachig-ostjüdischen, meist armen Nachbarn vor 1933, so wie er an der gewissen Umständlichkeit des „Mimisch-Gestischen Theaters“ - statt einfach nur „Pantomime“ - festhielt, um stilistische Breite zu signalisieren. Inzwischen bot das Haus auch Schau- und Puppenspiel, Hörtheater und Sonntags Frühstückstheater für Familien.
Nebenher baute Seidemann ein eher kommerzielles Arbeitsprogramm für „seine“ Künstler auf, sie spielten als DAT, Old Comedies oder Weiß-Mimen bei Firmen-Festen und Eröffnungen.
Trotz vieler auch finanzieller Unterstützer und vieler ehrenamtlicher Arbeit nicht zuletzt Seidemanns war das selten subventionierte „Hackesche Hof-Theater“ ein wirtschaftlich fragiles Gebilde – nach 13 Jahren brachten Mieterhöhung, fehlende (lächerliche) 50.000 €, Ignoranz der Kulturpolitik, aber auch eine gewisse Entkräftung seines Chefs, der Tag für Tag das Schiff mit Büroarbeit über Wasser hielt, das Aus.
Burkhart Seidemann realisierte nun Einzelprojekte unterschiedlichster Art, für einige Künstlerkollegen nicht zuletzt Existenzerhalt. Dabei half, daß der Storkower Bogen ihm ein Büro und Fundusräume bot, wofür er regelmäßig Veranstaltungen, vor allem Klezmer-Konzerte, für das Wohngebiet organisierte – mit ständig steigendem Zuspruch. Daß es damit weitergeht, hat er bestmöglich abgesichert.

Überhaupt hat er seinen Tod penibel vorbereitet für die persönlichen wie beruflichen Hinterbliebenen, die sich mit vielen Bekannten nach seinem Übergang ins Jenseits noch einmal zahlreich um ihn zum Abschied versammelten – jegliche Feierlichkeit, sogar eine Grabstelle, hatte er sich testamentarisch verbeten; er möchte ausgestreut werden, die Möglichkeit dazu wird derzeit geklärt.

Sein irdisches Ende war noch einmal von Anzeichen krass unterschiedlicher Wertung im unterschwellig immer noch geteilten Berlin begleitet: Während das (Ost-)„Neue Deutschland“ eine lange Würdigung mit Bild druckte, veröffentlichte der (West-) Tagesspiegel lediglich eine kurze Notiz in seinem Newsletter.
Aber wie die letzten Tage zeigten, wird er – und das ist keine hohle Formel – als Erinnerung vielen lebendig bleiben, so wie auch die Veranstaltungen weitergehen werden. Und diese Formen des Überlebens sind wohl das Wichtigste.

 

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